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„Inklusion hat nichts mit Charity zu tun – und lässt sich sehr wohl mit erfolgreichem Business verbinden.“

Barrierefreiheit und Inklusion sind keine sozialen Projekte, sondern ein völlig unterschätztes Business. Das zeigt das britische Start-up LendoCare. Mit ihrem Verleihservice für Mobilitätshilfen bietet das Unternehmen Lösungen für Menschen, die auf Rollstühle, Rollatoren oder Scooter angewiesen sind. Wir haben Gründerin Solomia Boretska in London getroffen und mit ihr über ihre Motivation und die Mission von LendoCare gesprochen.

Solomia trägt einen schwarzen Blazer, goldene Armreifen und gestikuliert lächelnd
Solomia Boretska, Gründerin und Geschäftsführerin von LendoCare

Barrierefreiheit ist ein richtig gutes Business. Das zeigt das britische Start-up LendoCare mit seinem innovativen Verleihservice für Mobilitätshilfen. Gegründet von Solomia Boretska und ihrem Bruder Roman Boretskiy, bietet das Unternehmen praktische und flexible Lösungen für Menschen, die auf Rollstühle, Rollatoren oder Scooter angewiesen sind – sei es dauerhaft oder nur zeitweise, zum Beispiel auf Reisen, nach Operationen oder bei alters- und krankheitsbedingten Einschränkungen.


Solomia kennt die Herausforderungen aus eigener Erfahrung: Über acht Jahre hat die studierte Neurotechnologin und Biomedizinische Ingenieurin ehrenamtlich mit der MND Association gearbeitet und dabei viele Menschen mit der Muskelkrankheit ALS begleitet – oft von der Diagnose bis zum Ende des Lebens. Aus diesen intensiven Begegnungen entstand die Idee, den Zugang zu Hilfsmitteln grundlegend zu verändern. Denn wer nur noch wenig Zeit hat, will diese nicht mit Hilfsmittelanträgen verbringen, sondern mit seinen Lieben.

„Uns geht es darum, den Menschen schöne Momente zu ermöglichen. Wer nur noch wenige Monate zu leben hat, will nicht wochenlang auf die Genehmigung eines Hilfsmittels warten“, sagt Solomia.


Die Menschen wollen in Würde leben, natürlich. Sie wollen aber auch Schönes erleben – ohne Bittsteller zu sein. Und auch ihre Familien wollen schöne Erinnerungen mit ihren Lieben. Das ermöglichen wir.

Solomia Boretska, Gründerin und Geschäftsführerin von LendoCare


Während Solomia die Vision für das Unternehmen mitbrachte, kümmerte sich ihr Bruder Roman darum, diese in die Tat umzusetzen. Er ist für die Technik verantwortlich: LendoCare setzt auf einen digitalen Ansatz. Über die Website lassen sich die benötigten Hilfsmittel einfach auswählen, buchen und an den Wunschort liefern – sei es direkt nach Hause, ins Hotel am Reiseziel oder an jeden gewünschten Ort. Solomia sagt dazu: „Unser System funktioniert wie Amazon. Wir haben E-Commerce mit Hilfsmitteln verbunden: online aussuchen, bestellen, mit PayPal, Kreditkarte oder Google/Apple Pay bezahlen – und an die Wunschadresse liefern lassen. Ob Hotel, Zuhause oder Ferienwohnung, spielt keine Rolle.“


Zum Angebot gehören unter anderem manuelle und elektrische Rollstühle, Scooter, Gehhilfen und spezielle Reha-Hilfsmittel. Die Mietdauer ist flexibel: von wenigen Tagen bis zu mehreren Monaten. Auch spontane Buchungen werden durch schnelle Lieferoptionen möglich gemacht – ein entscheidender Unterschied zu klassischen Versorgungswegen. „Wer sich heute ein Bein bricht und eigentlich morgen in den Urlaub fahren wollte, kann das mit uns trotzdem tun“, erklärt Solomia.


Barrieren abbauen – für mehr Teilhabe und Selbstbestimmung

LendoCare denkt Mobilität weiter: Neben der rein praktischen Verfügbarkeit von Hilfsmitteln steht die gesellschaftliche Teilhabe im Mittelpunkt. Denn viele Menschen erleben, dass ihnen notwendige Hilfsmittel peinlich sind. Dagegen will das Unternehmen bewusst ein Zeichen setzen. Durch bessere Qualität, mehr Komfort – und eine bessere Optik. „Menschen ist es oft unangenehm, dass sie Hilfsmittel benötigen. Das wollen wir ändern, indem wir ihnen hochwertige Produkte zur Verfügung stellen, die nicht nur gut und langlebig sind, sondern auch cool aussehen“, sagt Solomia. Sie erzählt von einer Kundin, die einen Rollator brauchte, ihn aber nicht nutzen wollte – bis ihr Enkel sagte: Man, ist der cool. „Da hat sie das Gerät mit anderen Augen gesehen.“

Die Hilfsmittel von LendoCare sind deshalb nicht nur funktional, sondern hochwertig und ästhetisch. „Produkte, die von der Krankenkasse verschrieben werden, sind oft weder schön noch besonders nachhaltig, weil sie nicht wiederverwendet werden müssen. Unsere Geräte werden nur verliehen, deshalb müssen sie langlebig sein – dafür investieren wir gerne mehr Geld.“


Man kann Inklusion und Geschäft sehr gut vereinbaren. Inklusion hat nichts mit Charity zu tun. Und Hilfsmittel müssen auch nicht so langweilig aussehen. Wenn ich die Inklusion von Menschen mit einer Mobilitätseinschränkung ‚sexy‘ machen kann, in dem ich der Businesswelt zeige, dass es sich lohnt, in diesen Sektor zu investieren, mache ich das gerne.

Solomia Boretska, Gründerin und Geschäftsführerin von LendoCare


Das zeigt auch der Erfolg: Seit der Gründung 2022 und dem Marktstart 2023, unterstützt von EIT Urban Mobility, wächst die Nachfrage rasant. „Am Anfang hieß es, ihr werdet keine Kunden finden. Jetzt kommen wir kaum hinterher.“


LendoCare kooperiert mit großen Hotelketten und will auch die Tourismusbranche barrierefreier gestalten. Denn: „Die ältere Gesellschaft hat Geld und möchte reisen – und hat die Zeit dazu. Warum sie von der Tourismusindustrie bisher so ignoriert wird, verstehe ich wirklich nicht.“

Auch sozial engagiert sich LendoCare: Nicht mehr benötigte oder gespendete Hilfsmittel werden an Hilfsprojekte weitergegeben, etwa für Menschen in der Ukraine. Dadurch wird gleichzeitig auch noch weniger Müll produziert und hochwertige Produkte bleiben im Umlauf. So lassen sich wirtschaftlicher Erfolg und soziale Verantwortung gleich in mehreren Dimensionen vereinbaren.


Die Vision für die Zukunft ist klar: LendoCare will auch international wachsen. „Eine älter werdende Gesellschaft ist kein britisches Phänomen. Wir können uns sehr gut vorstellen, auch in anderen Ländern aktiv zu werden“, sagt Solomia.


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